Wie funktioniert Lernen?

22.01.2016

Wie lernen genau funktioniert, das haben wir uns bestimmt alle schon mal gefragt. Denn tagtäglich werden wir mit dieser Frage konfrontiert, wenn es um die Erziehung und den Alltag mit unseren Vierbeinen geht. Um unserem Hund einen Trick beizubringen, müssen wir verstehen, wie er denkt und wie er lernt. Dann erst können wir den Trick für ihn logisch aufbauen, was das Üben für Hund und Halter ungemein vereinfacht.

Aber was ist Lernen überhaupt?

Lernen hat im Leben aller Lebewesen eine immens wichtige Bedeutung. Durch Lernen können wir uns an neue Umweltbedingungen anpassen und somit schnell auf neue Anforderungen reagieren. Lernen funktioniert auch nicht bewusst, sondern nebenbei und unabsichtlich. Alle gesammelten Erfahrungen werden verarbeitet und verinnerlicht. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass der Hund lernt, weil er für sich einen Vorteil aus der Erfahrung zieht, zum Beispiel einen bestimmten Trick vorzuführen, um ein Leckerlie zu ergatten.

Ist ein Erlebnis besonders einprägsam gewesen, kann ein einmaliges Erleben dieses Moments schon ausreichen, um sich für immer einzuprägen. Wir erkennen das häufig an Hunden, die von einem anderen Hund angegriffen wurden. Entspricht der Angreifer einem bestimmten Typ, zum Beispiel groß und schwarz, wird dieser Typ zukünftig gemieden oder verbellt. Der Angriff muss dann so angstauslösend, erschreckend oder schmerzhaft gewesen sein, dass der Organismus als Schutzfunktion durch eine Veränderung der Verhaltensweise darauf reagiert: „Diesen Hund meiden wir jetzt, damit wir nicht mehr angegriffen werden“. Das hat die Evolution auch sehr schlau eingefädelt, denn diese Strategie ist für das Überleben enorm wichtig.

Im Regelfall brauchen Lernprozesse aber mehrere Wiederholungen, bis sie verinnerlicht und abrufbar sind. Hier sind wir wieder beim Training. Wenn wir einen Trick nur oft genug wiederholt haben, hat der Hund für sich die Verknüpfung hergestellt, dass sich aus dem gewünschten Verhalten ein Vorteil für ihn ergibt, nämlich ein Leckerlie, Spielen oder Zuneigung. Ist die Belohnung im Training außergewöhnlich groß oder etwas Besonders, kann der Lerneffekt beschleunigt werden.

Sensitivierung und Habituation

Beim Lernen kann es im Laufe der Zeit auch zu einer Abstumpfung oder Gewöhnung (= Habituation) oder zu einem Empfindlicherwerden (= Sensitivierung) kommen.
Ist der Reiz nicht so stark und wird nicht als besonders wichtig empfunden, gewöhnt sich der Hund im Normalfall an diesen Reiz. Er hat keine größere Bedeutung, an die sich angepasst werden müsste. Reize, die als unangenehm empfunden werden oder extrem sind, zum Beispiel das laute Knallen der Böller an Silvester, können zu einer empfindlicheren Reaktion führen, zu einer Sensitivierung.

Man kann nicht verallgemeinern, welcher Reiz eine Habituation oder Sensitivierung hervorruft. Die Reaktion auf den Reiz ist von Hund zu Hund unterschiedlich und hängt sehr davon ab, wie sensibel er ist. In dem Beitrag über Silvester habe ich als Vorbereitung auf Silvester eine Geräuschetherapie angesprochen, die den Hund an die lauten Geräusche der Böller gewöhnen soll (= Habituation), damit er sich an Silvester nicht vor der lauten Geräuschekulisse erschreckt. Damals habe ich auch schon darauf hingewiesen, dass dieses Vorgehen nicht für jeden Hund geeignet ist. Sollte eine Habituation eintreten, ist der Trainingserfolg eingetreten. Es kann aber eben auch passieren, dass das Geräusch so unangenehm für den Hund ist, dass er es von Mal zu Mal als unangenehmer empfindet und somit immer empfindlicher darauf reagiert. Dann ist eine Sensitivierung eingetreten. Diese Trainingsmethode ist dann natürlich auf keinen Fall für den Hund geeignet!

Bedeutung für Training und Alltag

Wird ein Reiz oft hintereinander gegeben, kann es zu einer Gewöhnung kommen. Dies soll aber natürlich nicht bei Reizen passieren, die von uns Hundehaltern gegeben werden. Hier ist eine Habituation unerwünscht. Rufen wir unseren Hund also und benutzen in kurzen Abständen immer wieder das gleiche Wort dafür: „Komm, komm, komm, komm“ und es passiert gar nichts, dann verliert das Wort natürlich immer mehr an Bedeutung. Daher ist es besser, den Hund ein mal zu rufen. Kommt er dann nicht, sollte besser eine Konsequenz folgen, als den Hund erneut zu rufen.

Es gibt aber auch Situationen im Alltag, in denen eine Gewöhnung erwünscht ist. Einigen Hunden ist die Fellpflege anfangs unangenehm. Sie müssen zum Beispiel erst an die Bürste und das Kämmen gewöhnt werden. Die Prozedur des Kämmens wird in kurzen Abständen mehrmals hintereinander durchgefüht, bis der Hund sich daran gewöhnt hat. Ebenso verhält es sich mit dem Anlegen des Halsbandes: es bleibt einfach so lange am Hals, bis es der Hund gar nicht mehr als etwas Außergewöhnliches wahrnimmt.
An dieser Stelle möchte ich noch mal darauf hinweisen, dass der Hund nur so viel Stress ausgesetzt werden sollte, wie er noch gut ertragen kann. Ist der Stress zu viel, kann der gegenteilige Effekt eintreten: der Hund gewöhnt sich nicht, sondern reagiert noch sensibler auf den Reiz, weil er vorher gelernt hat, dass er dem unangenehmen Reit nicht entfliehen kann und dann panisch reagiert. Daher solltest du immer abschätzen, mit welchem Reiz bzw. welcher Reizstärke du deinen Hund belasten kannst. Zur Not beginnst du die Habituations-Übung mit einem abgeschwächten Reiz.

Reize als Strafe benutzen

Auch gegen Reize, die du als Strafe benutzt, kann dein Hund abstumpfen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir anfangs mit Nala eine Hundeschule aufgesucht haben, um an ihrer Leinenführigkeit zu arbeiten, da sie immer so stark zog. Der Hundetrainer hat ihr dann immer einen seitliche Leinenruck verpasst. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich immer ein unwohles Gefühl dabei hatte, da ich Nala ja nicht verletzen wollte. Habe es aber die nächsten Wochen so durchgezogen, da es anfangs sehr vielversprechend aussah und es gewirkt hat. Aber schon nach kurzer Zeit hatte Nala sich daran gewöhnt und das Prinzip verstanden und der Leinenruck zeigte keine Wirkung mehr. Jetzt hatten wir nur noch die Möglichkeit noch stärker an der Leine zu ziehen und damit eine Sensitivierung zu riskieren, was für uns auf gar keinen Fall in Frage kam. Wir hatten ja so schon ein schlechtes Gewissen dabei und hatten uns daher entschieden, eine andere Hundeschule aufzusuchen, um das Anderleineziehen anders anzugehen. Mit dem Einsatz von Strafreizen sollte man also vorsichtig umgehen.

Reizüberflutung

In Ausnahmefällen wird bei Problemhunden das Prinzip der Reizüberflutung angewendet. Dabei wird der Hund so lange dem angstauslösenden Reiz ausgesetzt, bis er sich vollständig daran gewöhnt hat. Wird die Behandlung allerdings zu früh beendet, hat man den Hund stark sensitiviert. Der Hund ist während dieser Behandlung sehr stark gestresst, daher sollte man es auch nur in absoluten Ausnahmesituationen anwenden und sich professionelle Hilfe dazuholen.

2 Comments

  1. Carina & Nala sagt:

    Toller Beitrag zum Thema Hund und Lernen im Alltag! Ich erkenne einiges wieder, was bei uns im Alltag damit zu vergleichen ist und muss dir voll und ganz zustimmen. Gerade bei den Reizen als „Betrafung“ fällt mir oftmals auf, dass meine Nala vieles nicht mehr interessiert, wie sie abgestumpft ist, wie du auch schon sehr schön erklärt hast. Wir neigen oftmals dazu viel mit unseren Hunden zu sprechen oder beim Rufen des Hundes hysterisch zu werden und den Hundenamen 3,4 oder 5x zu rufen! Man macht sich oftmals zu wenige Gedanken und versetzt nicht in die Denkweise des Hundes hinein, dann ist man frustriert und lässt das den Hund auch noch spüren. Der Ärger ist vorprogrammiert! Wir versuchen nach Möglichkeit weniger zu sprechen, weniger Nein zu sagen oder den Namen zu rufen und versuchen mehr mit bestimmter Körpersprache zu arbeiten. Das ist gar nicht so einfach, aber es hilft und Nala ist im allgemeinen viel aufmerksamer und interessierter an uns!

    • Kiki sagt:

      Hallo liebe Carina 🙂
      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar :-* Ich glaube, was ich hier geschrieben habe und was du auch erzählst, das erleben viele Leute mit ihrem Hund. Man muss sich einfach zwischendurch selbt reflektieren und überlegen, ob der aktuelle Trainingsstand noch so passt, wenn man nicht mehr vorwärts kommt. Dafür die Körpersprache zu nutzen ist eine super Idee! Ihr macht das alles so toll mit eurer Nala! Da kann sich echt jeder ein Vorbild dran nehmen! 🙂

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